Frauen erobern männliches Terrain
Angefangen hat es, als Marlene Dietrich die Hosenmode für Frauen einführte und
Zigaretten mit Spitze rauchte. Schnell etablierten sich die neuen Beinkleider in
der Damenwelt, während Röcke und Kleider, wie sie noch bis in die Renaissance
auch für die Männerwelt modern und praktikabel waren, verpönt blieben. Nach und
nach eroberten sich die Frauen die ihnen bislang verschlossene Männerwelt, und
sie tun es bis heute. Frauen sind erfolgreich in der Forschung (Marie Curie), in
der Philosophie (Simone de Beauvoir) in der Politik (Angela Merkel, Margaret
Thatcher), in der Wirtschaft (Beate Uhse, Grete Schickedanz) – alles Bereiche,
die früher allein den Männer offen standen. Umgekehrt werden Männer von
ihresgleichen auch heute noch beschmunzelt, wenn sie sich für eine »typische«
Frauentätigkeit interessieren: Frisör, Blumen, Kosmetik, Schneiderei, Kranken-
und Altenpflege, Ballett … Tatsächlich scheint der Anteil an homosexuell
orientierten Männern in diesen Beschäftigungszweigen höher als bei anderen
»typisch männlichen« Berufen. Da jedoch auch in schwulen und lesbischen
Beziehungen eine energetische Polarisierung in männlich-weiblich, aktiv-passiv
die Regel ist, findet man die zugehörigen männlich orientierten Partner dann
vielleicht in den entsprechenden männlich orientierten Tätigkeiten. Bei der
Kategorisierung von männlich und weiblich können wir uns heute also nicht mehr
auf die Schubladen verlassen, die uns die gesellschaftlichen und moralischen
Vorstellungen des letzten Jahrhunderts vorgegeben haben. Die Grenzen sind auch
in der gesellschaftlichen Wahrnehmung fließend geworden – in der leiblichen und
seelischen Realität waren sie es schon immer.
Uneindeutigkeit auch in der Natur
Schon C. G. Jung hat uns auf die Anima im Mann und den Animus in der Frau
hingewiesen. Der Mensch hat eine rechte und eine linke Gehirnhälfte, wovon die
eine mehr den weiblichen Fähigkeiten von Intuition und Emotion und die andere
den männlichen Fähigkeiten von Logik und Durchsetzungsfähigkeit zugeordnet ist.
Im Fötus sind beide Geschlechter angelegt, erst ab der achten
Schwangerschaftswoche bilden sie sich unter dem Einfluß entsprechender Hormone
individuell aus. Bisweilen gibt es jedoch auch hier Irritationen, die zu
uneindeutiger körperlicher Geschlechtlichkeit führen. Bis heute sieht die
Gesetzeslage aber eine eindeutige Geschlechtszugehörigkeit vor, was dann Eltern
und Ärzte in solchen Fällen in Handlungsnot treibt und den Betroffenen meist
eine operativ erzwungene Geschlechtszughörigkeit beschert. Dann kann es schon
mal zu Verwechslungen und schicksalhaften Identitätsstörungen kommen (Pseudohermaphroditismus,
testikuläre Feminisierung, Swyer-Syndrom), die nicht notwendig wären, wenn
unsere Vorstellung und unser Schubladendenken nicht auf dem Entweder-oder
beharren würde, sondern auch das Sowohl-als-auch eine Existenzberechtigung
hätte.
Sexueller Rollentausch als Tabuzone
Trotz zunehmender Offenheit und sexueller Freizügigkeit gibt es immer noch eine
große Tabuzone, wenn es um sexuelle Phantasien und Praktiken geht. Zum Beispiel
erleben Männer, die sich von ihren Partnerinnen gerne fesseln und verführen
lassen, dabei das Muster der jahrtausendelangen gewaltsamen Unterwerfung des
Weiblichen durch das Männliche. Die Sexualität aber stellt manchmal die Welt auf
den Kopf. Gäbe es ausschließlich hundertprozentige Männer und Frauen müsste es
doch so ablaufen: Die weibliche Hingabe wird erzwungen, wenn sie nicht
freiwillig erfolgt. Selbst wenn man die Hingabe als Geschenk betrachtet, müsste
sie vom Mann doch in gewisser Weise erobert werden, damit er seine männliche
Qualität für sich und die Frau unter Beweis stellen kann. Warum also umgekehrt?
Weil es offensichtlich doch eine Frau im Mann und einen Mann in der Frau gibt,
die gelebt sein wollen. Es gibt wohl kaum eine sexuelle Phantasie, zu der sich
nicht auch ein freudig mitspielender Partner finden ließe. Wer als Mann sich
gefesselt und ausgeliefert in sexueller Hingabe üben will, findet am sichersten
Erfüllung bei einer Domina – eben jener Frau, die ihre männlichen Anteile von
Dominanz, Grenz -überschreitung und Eroberung in diesem Spiel ausleben will.
Entweder treibt das Spiel die Eigenschaften von männlich und weiblich ins
Extreme, oder sie werden vertauscht. Dazwischen wäre es langweilig. Aber
besonders, wenn die Extreme vertauscht werden, also die Frau sexuell-männliche
Qualitäten und der Mann sexuell-weibliche Qualitäten auslebt, rutscht die
Szenerie in den Tabubereich. Umso mehr noch, wenn der Mann ins weibliche Erleben
geht, denn die Domina ist ja quasi schongesellschaftsfähig geworden, während ein
Mann mit der Fähigkeit zu weiblichen Gefühlen als Weichei abgestempelt wird.
Dabei haben sich die Frauen schon immer Männer gewünscht, die ihre weibliche
Hingabe annehmen können, ohne dabei Gewalt anzuwenden. Männer, die den Blick
oder die Geste einer Frau verstehen, ohne ständig nachfragen zu müssen. Männer,
die einfach (selbst)bewusst genug sind, zu wissen, was eine Frau gerade braucht,
und die ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen. Doch wie soll ein »normaler«
Mann, der nur seine männlichen Anteile kennt, das schaffen? Wie soll ein Mann
frauenfreundliche, weibliche Sexualität leben, ohne sich und seine eigene
Sexualität dabei zu verleugnen?
Die Angst des Mannes vor Verweiblichung
Es ist nicht nur eine philosophische Tatsache, dass das Männliche und das
Weibliche im Menschen durch die Zeugung von Vater und Mutter mit gleichen
Anteilen eingebracht werden. Beides ist in jedem Menschen vorhanden und findet
nur durch die körperliche Ausgestaltung als Mann oder Frau entsprechende
Betonung. Im Zeugungsakt erlebt der Mensch die göttliche Einheit von Mann und
Frau – entweder als Vater oder Mutter oder als sich inkarnierende Seele. Wen
wundert‘s, dass die Sehnsucht nach dieser göttlichen Einheit ein Menschenleben
lang erhalten bleibt? Wenn also das Männliche und das Weibliche im Menschen
gleichermaßen angelegt sind, dann hat der Mensch damit auch alle Anlagen, sich
diese Sehnsucht zu erfüllen. Dazu braucht es in erster Linie Bewusstheit. Eine
Selbstbewusstheit, die im Erkennen und Anerkennen des eigenen So-Seins und der
eigenen individuellen Sexualität dem Raum gibt, was Wachstum und Heilung
förderlich ist. Selbstbewusstheit heißt: hinschauen und anerkennen. Bislang, so
scheint es, ist dies eher eine weibliche Eigenschaft. Vielleicht haben die
Männer deshalb so große Angst davor hinzuschauen. Die Selbstbewusstheit, die ich
meine, ist jedoch eine Eigenschaft des erwachten Menschen. Sie ermöglicht es den
Männern, eine neue Dimension eigener Männlichkeit, Menschlichkeit und Sexualität
zu erfahren. Männer, die diese neue (Selbst)Bewusstheit leben, haben keine Angst
vor weiblicher Sexualität, sondern integrieren sie in ihr Leben als Erweiterung
und bereichernde Offenbarung auf dem Weg zum Göttlichen Bewusstsein.

Von Klaus Peill
Erschienen in
Connection Tantra Spezial #90, 12/2011
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