Männer wollen nur das Eine!
Männer wollen immer – und zwar (nur) das Eine! Ich wähle hier mit Absicht diese
provokante Form der Aussage, um verschiedene Stadien sexuellen Handelns und
Empfindens zu beschreiben und voneinander abzugrenzen. Und zwar erstens die
reine (Woll-)Lust, die der Befriedigung körperlichen Wohlbefindens dient. In
diesem Stadium »bedient« sich der Mann bei der Frau und nimmt sich einfach, was
er (freiwillig oder auch erzwungen) bekommt. Meist bleibt jedoch die Frau auf
dieser Ebene unbefriedigt und fühlt sich benutzt. Es sei denn, ihre Lust wäre
der eines Mannes sehr ähnlich.
In der zweiten Phase kommt beim Mann die mentale Ebene hinzu. Er beginnt, seine
Lust dem Verstand zu unterwerfen. Er hat gelernt, dass die Lust der Frau anderen
Regeln folgt als seine eigene. Eine fundamentale Erfahrung ist an dieser Stelle,
dass der Körper einer Frau sehr viele erogene Zonen aufweist, von Kopf bis Fuß,
während sich die eigenen erogenen Zonen des Mannes alle zwischen den Beinen am
und um das männliche Geschlecht herum konzentrieren. Dieser Sachverhalt wird in
dem Cartoon sehr witzig, aber treffend dargestellt.
Die Entdeckung der Langsamkeit
Es gibt aber auch Männer, die andere Zonen ihrer Lust entdecken, nicht nur die
rund um den Lingam. Sie nutzen nun ihre mentalen Fähigkeiten, eigene Erfahrungen
und Erlerntes, um sowohl ihre eigene Lust als auch die der Frau zu wecken und zu
steigern. Welchem Mann ist eine lustvolle Frau nicht Grund genug, seine eigene
Lust zu zelebrieren? In diese Phase fällt auch die Entdeckung der Langsamkeit
als Mittel zur Steigerung der Lust beider Geschlechter.
Während die Erregung des Mannes typischerweise schnell ansteigt, um dann nach
Erreichen eines orgastischen Hochs wieder schnell abzufallen, steigt die
Lustkurve der Frau nur langsam an, um sich dann lange auf einem Plateau zu
halten, bis sie wieder langsam absinkt. Man(n) lernt, sich der Lustkurve der
Frau anzupassen und muss schließlich zugeben, dass diese Art der Liebeslust ganz
bestimmt nicht die schlechteste ist. Im Gegenteil: »Entschleunigung« ist ein
zentrales Thema des tantrischen Weges.
Doch die Gefahr eines Rückfalls in die schnelle und rein körperliche
Lustbefriedigung ist groß. Mit steigender Lust auf der körperlichen Ebene kann
es dem Mann durchaus passieren, dass er alle guten Vorsätze vergisst und sich
unbewusst wieder dem männlichen Weg der Sexualität hingibt – frei nach dem
Motto: möglichst schnell seinen Samen an der richtigen Stelle abgeben und
einschlafen, um neue Kräfte zu sammeln für den nächsten Durchgang des
Evolutionsauftrags »Erhalt der Menschheit«.
Die männliche Zielstrebigkeit
In der Tat ist die Sexualität der Frau dem tantrischen Weg näher als die des
Mannes. Insofern können Männer von bewusst gelebter Sexualität mit ihrem
Gegengeschlecht nur profitieren! Doch wie kann sich der Mann in der Sexualität
der Frau anpassen, ohne dabei weder die eigene Lust noch sein Gesicht als Mann
(und damit seine Männlichkeit) zu verlieren? Denn eigentlich sieht die
traditionelle Rollenverteilung vor, dass der Mann die Initiative ergreift,
führt, (be-)herrscht und zielgerichtet vorgeht. Was zunächst wie ein Widerspruch
klingt, ist es aber bei näherer Betrachtung nicht. Denn ohne die männliche
Kraft, sein Ziel ohne Umschweife anzusteuern, kann es weder Mann noch Frau
gelingen zu lernen und zu wachsen.
Aber zunächst beschreibe ich eine dritte Phase, in welcher der Mann seine
Sexualität um die Gefühlsebene bereichert. Hier meine ich allerdings kein
simples körperliches Fühlen, sondern ein bewusstes Erfühlen des eigenen
»Innenkörpers« mit und ohne körperlichen Kontakt.
Der Atem
Bewusstheit ist unentbehrlich für die tantrische Begegnung. Ohne Bewusstheit
verkümmert jede Begegnung zur Belanglosigkeit. Erst wenn du wach, bewusst,
präsent bist, hat dein Gegenüber das Gefühl, wirklich gemeint zu sein. Ein
ziemlich sicherer Weg, diese Bewusstheit zu erlangen, ist der Weg des Atems.
Jeder von uns kennt das Phänomen: Wenn ich ruhig werde, um mich in eine
meditative Haltung zu begeben, produziert mein Ego eine unaufhörliche Kette von
Gedanken darüber, was noch zu tun oder zu erledigen ist, was ich vergessen habe,
wer mich wann und wo beleidigt, übergangen oder mir irgendwelche Knüppel
zwischen die Beine geworfen hat. Diese Gedankenkette zu durchbrechen ist möglich
durch die Konzentration auf den eigenen Atem. Allein die Vorstellung, wie der
Atem durch Nase oder Mund durch die Luftröhre die Lungen füllt, dort den
Sauerstoff ans Blut abgibt um dann mit Kohlendioxid angereichert die Lungen
durch Mund und Nase wieder verlässt, kann den unaufhörlichen Gedankenstrom
unterbrechen. Wenn es stimmt, dass Männer nicht multi-tasking-fähig sind, müsste
es gerade ihnen besonders leicht fallen, aufzuhören zu denken, wenn sie sich nur
auf den Atem konzentrieren.
Den Körper in innen erspüren
Wer bewusst atmet, denkt nicht! Im nächsten Schritt kannst du dann das eigene
Körperbewusstsein erweitern, indem du dir den Blutkreislauf vorstellst, wie das
mit Sauerstoff angereichert Blut vom Herzen durch den Körper bis in den
entferntesten Winkel gepumpt wird, um dort die Zellen zu versorgen und als
venöses Blut wieder zum Herzen zurückzukehren. So kannst du eine Reise durch
deinen Körper antreten, der dich letzten Endes mit allen Zellen in eine bewusste
Verbindung bringt. Du kannst deinen Körper sozusagen von innen erspüren.
Wenn du in dieser Bewusstheit dann noch einen Schritt weiter gehst, kannst du
die Grenzen deines Körpers wahrnehmen und deren Beziehung zur Umwelt. Du sitzt
zum Beispiel auf einem Stuhl und spürst den Druck deiner Pobacken auf der
Sitzfläche und deine Füße, wie sie den Boden berühren. Du spürst deinen eigenen
Herzschlag, du nimmst vielleicht Gerüche wahr, die mit dem Atem an deinen
Geruchsnerven vorbei einströmen. Oder du bemerkst ganz bewusst die Geräusche aus
deiner Umwelt. Es gibt keine Gedanken mehr darüber, was war oder was sein wird.
Vergangenheit und Zukunft verschmelzen in diesem einen Augenblick – du befindest
dich in einem Zustand höchster Präsenz.
Der göttliche Funke
Wer aber ist derjenige, der präsent ist? Welcher Teil von mir? Der Körper ist es
offensichtlich nicht; mal abgesehen davon, dass die Wahrnehmung dieses Zustands
aufgrund der körperlichen Reize in einem Körperteil namens »Gehirn« stattfindet.
Die Gedanken über die Welt, das Leben und den ganzen Rest sind verstummt – womit
sich der mentale Teil des Daseins als Träger der Präsenz ebenfalls ausschließen
lässt.
Ebenfalls nicht unter den Favoriten als Präsenzträger ist der Teil unseres
Seins, den wir als »Ego« bezeichnen, und der uns ständig die Illusionen dessen
vorgaukelt, was wir im Leben vermeintlich für wichtig und richtig halten. Ich
behaupte, dass schon Präsenz allein eine Ahnung von Gotteserfahrung darstellt.
Im tantrischen Ritual laden wir höhere Kräfte ein, damit wir als Werkzeug und
als Kanal für Heilung* dienen können. Diese höhere Kraft, oder auch der
»göttliche Funke«, ist in jedem Menschen angelegt.
Es gibt eine universelle Lebenskraft, die unser Dasein auf der weltlichen Ebene
erschafft und uns gleichzeitig die Erfahrung von leidvoller Trennung und
Sehnsucht nach Ganzwerdung (Vereinigung der Gegensätze) ermöglicht. Präsenz ist
also die Erfahrung eines höheren, göttlichen Wirkens in uns. Manche Menschen
nennen es »im Flow sein«. Für mich ist das gleichbedeutend mit: im Sinne einer
höheren Macht handeln. Oder unter Einbeziehung des Gottesbegriffs: im Einklang
mit Gottes Willen handeln. Präsenz bedeutet also auch, in Verbindung zu kommen
mit einem höheren Selbst in uns und zwar durch Hingabe – einer eigentlich
typisch weiblichen Eigenschaft!
Hingabe
Als Mann auf dem tantrischen Weg braucht es also neben der typisch männlichen
Zielstrebigkeit auch ein gutes Stück Hingabe, um die Wonnen der Verschmelzung
mit dem Weiblichen in besonderer Weise genießen zu können. Mit Zielstrebigkeit
erreicht man(n) den ersten Kontakt, ein Rendezvous, aber auch (durch
entsprechende Übung) ein verbessertes Körpererleben. Mit der Hingabe öffnen sich
die Tore zu Entschleunigung, höherer Bewusstheit und Präsenz. Beide Anteile sind
auf dem tantrischen Weg unentbehrlich. Wichtig ist jedoch, dass die Hingabe
nicht in männlich zielstrebiger Weise zu erreichen versucht wird. Das wäre eine
»Pechmarie-Falle«: Wenn ich nur langsamer werde, wenn ich meinen Innenkörper
spüre, wenn ich meine Gedanken ausblende, dann erreiche ich höhere Bewusstheit
und Präsenz. So einfach ist es jedoch nicht, denn Geschenke kann man(n) sich
nicht erarbeiten. Es ist vielmehr so: Wenn ich entspannt bin, losgelöst von
allem Wollen, und bedingungslos in der Begegnung verweile, dann bin ich auch
offen, das Geschenk höherer Bewusstheit und Präsenz empfangen zu können.
Die »sanfte Vereinigung«
Die vierte Phase und Kür der sexuellen Begegnung zwischen Mann und Frau ist
äußerlich zwar wenig spektakulär, kann jedoch im individuellen emotionalen
Erleben die höchsten Wellen schlagen. Gleichzeitig ist sie Einstieg und frohe
Botschaft für alle Männer, die glauben, ihre Männlichkeit in Form von
Erektionsproblemen verloren zu haben. Ich meine hier die »Sanfte Vereinigung«,
bei der Mann und Frau sich genital vereinigen, ohne dass der Mann eine Erektion
haben muss. Allein die Gegenwart des komplementären Poles zum eigenen Körper,
also der Lingam des Mannes und die Yoni der Frau, wie auch die Brüste der Frau
und das Herz des Mannes, bringen die sexuelle Energie ins Fließen und laden die
»sexuellen Batterien« von Mann und Frau. Die sanfte Vereinigung praktiziert das
bedingungslose Verschmelzen der Geschlechter und bildet so die Grundlage für
eine tiefere Wahrnehmung der sexuellen Vereinigung.
Wenn der Lingam des Mannes ohne etwas zu wollen in der Yoni der Frau ruht,
öffnen sich unendliche Räume des Erlebens auf einer transzendenten Ebene. Dabei
entwickeln die Sexzentren von Mann und Frau sozusagen eine eigene Intelligenz.
Der Energiestrom von Pol zu Pol kann den Lingam wachsen lassen, während sich
gleichzeitig die Yoni immer weiter öffnet, um die männliche Energie aufzunehmen.
Während Yoni und Lingam sich ihrer Bestimmung hingeben, stillt dieser Vorgang
die tiefe Sehnsucht nach Vereinigung auf einer höheren Ebene und lässt Mann und
Frau im Augenblick der Verschmelzung die Aufhebung aller Gegensätze, tiefen
Frieden und einen Geschmack göttlicher Ewigkeit erfahren.
Von Klaus Peill

Erschienen in
Connection Tantra Spezial #88, 1/2011
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