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Männer & Lust

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Männer, Lust und Transzendenz

Durch Anerkennung und Integration ihrer männlichen und weiblichen Anteile können Männer ihre Sexualität transzendieren und so der sexuellen Begegnung zwischen Mann und Frau eine besondere Tiefe verleihen. Klaus Peill beschreibt hier vier Phasen sexuellen Handelns und Erlebens, in denen das geschehen kann.


 

Männer und Lust – dafür braucht es eigentlich keine Erklärung. Männer haben immer Lust! Doch Lust worauf? Eine Erklärung bedarf es nun doch am Anfang dieses Artikels, nämlich die Antwort darauf, was ich hier mit »Lust« eigentlich meine. Dem tantrisch interessierten Leser wird an dieser Stelle sicherlich die Wortverwandtschaft zu »Wollust« einfallen – also die sinnliche, sexuelle Begierde und Lust, die nicht nur den Mann zu sexueller Aktivität und Befriedigung antreibt und andernorts als eines der sieben Hauptlaster der Menschheit genannt wird. Sind Lust und Wollust also die Ursachen von Sünde? Im Gegenteil: Für mich sind sie der Antrieb und die Möglichkeit zu Selbsterfahrung, Wachstum und Gotteserfahrung. Erogene Zonen - Comic von Anja Katharina Halbig


Der männliche Weg der Sexualität: möglichst schnell seinen Samen an der richtigen Stelle abgeben und einschlafen, um neue Kräfte zu sammeln für den nächsten Durchgang des Evolutionsauftrags »Erhalt der Menschheit«

 

Männer wollen nur das Eine!

Männer wollen immer – und zwar (nur) das Eine! Ich wähle hier mit Absicht diese provokante Form der Aussage, um verschiedene Stadien sexuellen Handelns und Empfindens zu beschreiben und voneinander abzugrenzen. Und zwar erstens die reine (Woll-)Lust, die der Befriedigung körperlichen Wohlbefindens dient. In diesem Stadium »bedient« sich der Mann bei der Frau und nimmt sich einfach, was er (freiwillig oder auch erzwungen) bekommt. Meist bleibt jedoch die Frau auf dieser Ebene unbefriedigt und fühlt sich benutzt. Es sei denn, ihre Lust wäre der eines Mannes sehr ähnlich. 

In der zweiten Phase kommt beim Mann die mentale Ebene hinzu. Er beginnt, seine Lust dem Verstand zu unterwerfen. Er hat gelernt, dass die Lust der Frau anderen Regeln folgt als seine eigene. Eine fundamentale Erfahrung ist an dieser Stelle, dass der Körper einer Frau sehr viele erogene Zonen aufweist, von Kopf bis Fuß, während sich die eigenen erogenen Zonen des Mannes alle zwischen den Beinen am und um das männliche Geschlecht herum konzentrieren. Dieser Sachverhalt wird in dem Cartoon sehr witzig, aber treffend dargestellt. 


 

Die Entdeckung der Langsamkeit

Es gibt aber auch Männer, die andere Zonen ihrer Lust entdecken, nicht nur die rund um den Lingam. Sie nutzen nun ihre mentalen Fähigkeiten, eigene Erfahrungen und Erlerntes, um sowohl ihre eigene Lust als auch die der Frau zu wecken und zu steigern. Welchem Mann ist eine lustvolle Frau nicht Grund genug, seine eigene Lust zu zelebrieren? In diese Phase fällt auch die Entdeckung der Langsamkeit als Mittel zur Steigerung der Lust beider Geschlechter. 

Während die Erregung des Mannes typischerweise schnell ansteigt, um dann nach Erreichen eines orgastischen Hochs wieder schnell abzufallen, steigt die Lustkurve der Frau nur langsam an, um sich dann lange auf einem Plateau zu halten, bis sie wieder langsam absinkt. Man(n) lernt, sich der Lustkurve der Frau anzupassen und muss schließlich zugeben, dass diese Art der Liebeslust ganz bestimmt nicht die schlechteste ist. Im Gegenteil: »Entschleunigung« ist ein zentrales Thema des tantrischen Weges. 

Doch die Gefahr eines Rückfalls in die schnelle und rein körperliche Lustbefriedigung ist groß. Mit steigender Lust auf der körperlichen Ebene kann es dem Mann durchaus passieren, dass er alle guten Vorsätze vergisst und sich unbewusst wieder dem männlichen Weg der Sexualität hingibt – frei nach dem Motto: möglichst schnell seinen Samen an der richtigen Stelle abgeben und einschlafen, um neue Kräfte zu sammeln für den nächsten Durchgang des Evolutionsauftrags »Erhalt der Menschheit«.


 

Die männliche Zielstrebigkeit

In der Tat ist die Sexualität der Frau dem tantrischen Weg näher als die des Mannes. Insofern können Männer von bewusst gelebter Sexualität mit ihrem Gegengeschlecht nur profitieren! Doch wie kann sich der Mann in der Sexualität der Frau anpassen, ohne dabei weder die eigene Lust noch sein Gesicht als Mann (und damit seine Männlichkeit) zu verlieren? Denn eigentlich sieht die traditionelle Rollenverteilung vor, dass der Mann die Initiative ergreift, führt, (be-)herrscht und zielgerichtet vorgeht. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist es aber bei näherer Betrachtung nicht. Denn ohne die männliche Kraft, sein Ziel ohne Umschweife anzusteuern, kann es weder Mann noch Frau gelingen zu lernen und zu wachsen.

Aber zunächst beschreibe ich eine dritte Phase, in welcher der Mann seine Sexualität um die Gefühlsebene bereichert. Hier meine ich allerdings kein simples körperliches Fühlen, sondern ein bewusstes Erfühlen des eigenen »Innenkörpers« mit und ohne körperlichen Kontakt. 


 

Der Atem

Bewusstheit ist unentbehrlich für die tantrische Begegnung. Ohne Bewusstheit verkümmert jede Begegnung zur Belanglosigkeit. Erst wenn du wach, bewusst, präsent bist, hat dein Gegenüber das Gefühl, wirklich gemeint zu sein. Ein ziemlich sicherer Weg, diese Bewusstheit zu erlangen, ist der Weg des Atems. 

Jeder von uns kennt das Phänomen: Wenn ich ruhig werde, um mich in eine meditative Haltung zu begeben, produziert mein Ego eine unaufhörliche Kette von Gedanken darüber, was noch zu tun oder zu erledigen ist, was ich vergessen habe, wer mich wann und wo beleidigt, übergangen oder mir irgendwelche Knüppel zwischen die Beine geworfen hat. Diese Gedankenkette zu durchbrechen ist möglich durch die Konzentration auf den eigenen Atem. Allein die Vorstellung, wie der Atem durch Nase oder Mund durch die Luftröhre die Lungen füllt, dort den Sauerstoff ans Blut abgibt um dann mit Kohlendioxid angereichert die Lungen durch Mund und Nase wieder verlässt, kann den unaufhörlichen Gedankenstrom unterbrechen. Wenn es stimmt, dass Männer nicht multi-tasking-fähig sind, müsste es gerade ihnen besonders leicht fallen, aufzuhören zu denken, wenn sie sich nur auf den Atem konzentrieren. 


 

Den Körper in innen erspüren

Wer bewusst atmet, denkt nicht! Im nächsten Schritt kannst du dann das eigene Körperbewusstsein erweitern, indem du dir den Blutkreislauf vorstellst, wie das mit Sauerstoff angereichert Blut vom Herzen durch den Körper bis in den entferntesten Winkel gepumpt wird, um dort die Zellen zu versorgen und als venöses Blut wieder zum Herzen zurückzukehren. So kannst du eine Reise durch deinen Körper antreten, der dich letzten Endes mit allen Zellen in eine bewusste Verbindung bringt. Du kannst deinen Körper sozusagen von innen erspüren. 

Wenn du in dieser Bewusstheit dann noch einen Schritt weiter gehst, kannst du die Grenzen deines Körpers wahrnehmen und deren Beziehung zur Umwelt. Du sitzt zum Beispiel auf einem Stuhl und spürst den Druck deiner Pobacken auf der Sitzfläche und deine Füße, wie sie den Boden berühren. Du spürst deinen eigenen Herzschlag, du nimmst vielleicht Gerüche wahr, die mit dem Atem an deinen Geruchsnerven vorbei einströmen. Oder du bemerkst ganz bewusst die Geräusche aus deiner Umwelt. Es gibt keine Gedanken mehr darüber, was war oder was sein wird. Vergangenheit und Zukunft verschmelzen in diesem einen Augenblick – du befindest dich in einem Zustand höchster Präsenz.


 

Der göttliche Funke

Wer aber ist derjenige, der präsent ist? Welcher Teil von mir? Der Körper ist es offensichtlich nicht; mal abgesehen davon, dass die Wahrnehmung dieses Zustands aufgrund der körperlichen Reize in einem Körperteil namens »Gehirn« stattfindet. Die Gedanken über die Welt, das Leben und den ganzen Rest sind verstummt – womit sich der mentale Teil des Daseins als Träger der Präsenz ebenfalls ausschließen lässt. 

Ebenfalls nicht unter den Favoriten als Präsenzträger ist der Teil unseres Seins, den wir als »Ego« bezeichnen, und der uns ständig die Illusionen dessen vorgaukelt, was wir im Leben vermeintlich für wichtig und richtig halten. Ich behaupte, dass schon Präsenz allein eine Ahnung von Gotteserfahrung darstellt. Im tantrischen Ritual laden wir höhere Kräfte ein, damit wir als Werkzeug und als Kanal für Heilung* dienen können. Diese höhere Kraft, oder auch der »göttliche Funke«, ist in jedem Menschen angelegt. 

Es gibt eine universelle Lebenskraft, die unser Dasein auf der weltlichen Ebene erschafft und uns gleichzeitig die Erfahrung von leidvoller Trennung und Sehnsucht nach Ganzwerdung (Vereinigung der Gegensätze) ermöglicht. Präsenz ist also die Erfahrung eines höheren, göttlichen Wirkens in uns. Manche Menschen nennen es »im Flow sein«. Für mich ist das gleichbedeutend mit: im Sinne einer höheren Macht handeln. Oder unter Einbeziehung des Gottesbegriffs: im Einklang mit Gottes Willen handeln. Präsenz bedeutet also auch, in Verbindung zu kommen mit einem höheren Selbst in uns und zwar durch Hingabe – einer eigentlich typisch weiblichen Eigenschaft!


 

Hingabe

Als Mann auf dem tantrischen Weg braucht es also neben der typisch männlichen Zielstrebigkeit auch ein gutes Stück Hingabe, um die Wonnen der Verschmelzung mit dem Weiblichen in besonderer Weise genießen zu können. Mit Zielstrebigkeit erreicht man(n) den ersten Kontakt, ein Rendezvous, aber auch (durch entsprechende Übung) ein verbessertes Körpererleben. Mit der Hingabe öffnen sich die Tore zu Entschleunigung, höherer Bewusstheit und Präsenz. Beide Anteile sind auf dem tantrischen Weg unentbehrlich. Wichtig ist jedoch, dass die Hingabe nicht in männlich zielstrebiger Weise zu erreichen versucht wird. Das wäre eine »Pechmarie-Falle«: Wenn ich nur langsamer werde, wenn ich meinen Innenkörper spüre, wenn ich meine Gedanken ausblende, dann erreiche ich höhere Bewusstheit und Präsenz. So einfach ist es jedoch nicht, denn Geschenke kann man(n) sich nicht erarbeiten. Es ist vielmehr so: Wenn ich entspannt bin, losgelöst von allem Wollen, und bedingungslos in der Begegnung verweile, dann bin ich auch offen, das Geschenk höherer Bewusstheit und Präsenz empfangen zu können. 


 

Die »sanfte Vereinigung«

Die vierte Phase und Kür der sexuellen Begegnung zwischen Mann und Frau ist äußerlich zwar wenig spektakulär, kann jedoch im individuellen emotionalen Erleben die höchsten Wellen schlagen. Gleichzeitig ist sie Einstieg und frohe Botschaft für alle Männer, die glauben, ihre Männlichkeit in Form von Erektionsproblemen verloren zu haben. Ich meine hier die »Sanfte Vereinigung«, bei der Mann und Frau sich genital vereinigen, ohne dass der Mann eine Erektion haben muss. Allein die Gegenwart des komplementären Poles zum eigenen Körper, also der Lingam des Mannes und die Yoni der Frau, wie auch die Brüste der Frau und das Herz des Mannes, bringen die sexuelle Energie ins Fließen und laden die »sexuellen Batterien« von Mann und Frau. Die sanfte Vereinigung praktiziert das bedingungslose Verschmelzen der Geschlechter und bildet so die Grundlage für eine tiefere Wahrnehmung der sexuellen Vereinigung. 

Wenn der Lingam des Mannes ohne etwas zu wollen in der Yoni der Frau ruht, öffnen sich unendliche Räume des Erlebens auf einer transzendenten Ebene. Dabei entwickeln die Sexzentren von Mann und Frau sozusagen eine eigene Intelligenz. Der Energiestrom von Pol zu Pol kann den Lingam wachsen lassen, während sich gleichzeitig die Yoni immer weiter öffnet, um die männliche Energie aufzunehmen. Während Yoni und Lingam sich ihrer Bestimmung hingeben, stillt dieser Vorgang die tiefe Sehnsucht nach Vereinigung auf einer höheren Ebene und lässt Mann und Frau im Augenblick der Verschmelzung die Aufhebung aller Gegensätze, tiefen Frieden und einen Geschmack göttlicher Ewigkeit erfahren.

 

Von Klaus Peill Connection Tantra Spezial #88 mit einem Artikel von Klaus Peill

 

Erschienen in Connection Tantra Spezial #88, 1/2011

Artikel als PDF downloaden.

 

 

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Copyright © 2011 Klaus Peill - Gesundheitspraktiker (BfG), Stand: 11. Mai 2012