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Männerrituale
Die Männlichkeit ist geschwächt. Die Abwesenheit der Väter, übertriebene
Machobilder und männerverachtende Frauenbewegungen werfen die Frage nach dem
echten Mann auf. Wo findet man ihn? Gibt es Vorbilder, oder findet man ihn nur
innen, in sich selbst? Wie können uns Rituale helfen, Antworten auf diese Fragen
zu finden? Welche Kraft haben Rituale überhaupt? Was können sie speziell bei
Männern bewirken? Klaus Peill berichtet aus seiner reichen Erfahrung mit
Männergruppen.
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Wenn wir Männer in unseren Gruppen über uns und unsere Selbstwahrnehmung
sprechen, kommen wir fast immer auf diesen zentralen Punkt: diesen »kleinen
Unterschied« zwischen Männlichkeit und Mann-Sein. In unserer
leistungsorientierten Gesellschaft scheitern wir nämlich unvermeidlich
früher oder später daran, dass wir unser ureigenstes, individuelles
Mann-Sein an gesellschaftlich-kulturell geprägten Eigenschaften von
Männlichkeit messen. Eigenschaften, die wenig bis gar nichts mit der
tatsächlichen Vielfalt von Mann-Sein zu tun haben, sondern in stereotyper
und plakativer Weise die Körper, Charaktere und Denkweisen der Geschlechter
beschreiben. |
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Männer gelten als mutig, risikofreudig, abenteuer- und angriffslustig mit
einer gesunden Aggression. Wer davon abweicht, bewertet sich als negativ
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Wie wir zu sein haben
So werden dem Mann auf der körperlichen Ebene
Kraft, Rohheit und Schroffheit zugeschrieben. Die Frau hingegen »darf«
schwach, zart, rund und sinnlich sein. Darum »darf« er auch den Kasten Wasser in
den vierten Stock hoch tragen, während sie die Kerzen am Abendtisch entzündet.
Männer sind gemäß diesem Klischee vom Charakter her mutig, risikofreudig,
abenteuer- und angriffslustig mit einer gesunden Aggression. Dominanz und
Führungsstärke lassen sie die Dinge aktiv angehen und selbst in
Krisensituationen bleiben sie besonnen und cool und haben ihre Gefühle unter
Kontrolle. Die geborenen Krieger, Soldaten und Kriegshelden eben. Dagegen die
Frau: zaghaft und furchtsam, friedfertig und geduldig, fügsam, aber auch
wankelmütig, weil zu sehr ihren Gefühlen unterworfen.
Schließlich die mentale Ebene mit den männlichen Fähigkeiten im Bereich von
Technik und Organisation, mit abstraktem Denken, Rationalismus und Eigensinn.
Die weiblichen Eigenschaften werden in sozialer Kompetenz, Einfühlsamkeit,
Anpassungsfähigkeit und Irrationalismus gesehen.
Männer (und Frauen!) unterliegen immer noch
dem Irrtum, diese Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit zum Maßstab
zu erheben. Jede Abweichung von ihnen wird zu einer negativen Selbstbewertung
benutzt.
Dabei stehen diese Zuschreibungen nicht nur im Widerspruch mit vielen
Ergebnissen der Geschlechterforschung, sie finden ihre Widerlegung auch in
nahezu jeder Männerrunde an der ich teilgenommen habe.
Verabschieden wir uns also vom Männlichkeitswahn und wenden uns ganz entspannt
dem Sein als Mann – dem Mann-Sein zu!
Männerinitiation früher und heute
In traditionellen Stammeskulturen orientierten sich Mannbarkeitsrituale und
Männerinitiationen an den für sie geltenden Männerbildern des jeweiligen
Stammes. Werden die oben beschriebenen körperlichen, charakterlichen und
mentalen männlichen Eigenschaften höher bewertet als die gegenüberstehenden
weiblichen Eigenschaften, handelt es sich um eine patriarchalische
Gesellschaftsform. Eine derartige Bewertung ist jedoch nicht nur aus ethischer
Sicht fragwürdig, denn sie beschränkt die menschliche Würde – nicht nur von
Frauen, sondern auch von Männern! – auf vorgefertigte Muster. Genau diese
Bewertung ist es nämlich, die viele der uns bekannten Männerrituale aus heutiger
Sicht anachronistisch erscheinen lässt. Ich denke hierbei insbesondere an Mut-
und Kraftproben wie U-Bahn-Surfen oder Hasenfußrennen, die heutzutage eher
geeignet erscheinen, eine selbstzerstörerische Lebensunlust jugendlicher Männer
zu beweisen. Rituale wie Wetttrinken oder sich gegenseitig um die Wette
beleidigen andererseits bekommen eher den Flair von Dumme-Jungen-Streichen und
schädigen auf diese Weise den Ruf von Männerritualen, die durchaus mehr zu
bieten haben als das.
Ebenfalls ein Kennzeichen des Patriarchats ist die Tatsache, dass es für Jungen
signifikant mehr Rituale gibt als für Mädchen. Das
gibt es Übergangsriten von der Kindheit zum Erwachsensein wie die Schwertleite
oder Jugendweihe, vom Leben als Unverheirateter zum Ehemann oder die Einweihung
als Mitglied einer Gemeinschaft und außerdem eine ganze Reihe von Ritualen zur
Festlegung der Rangordnung wie den Ritterschlag und diverse Macht-, Kampf-,
Unterwerfungs- und Erniedrigungsrituale.
Abwesende Väter
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Früher wurden die Mannbarkeitsriten in traditionellen Stammeskulturen von
Vätern und älteren Männern angeleitet und an den heranwachsenden Knaben im
jeweils passenden Alter vollzogen, sodass der Reifeprozess durchgängig
begleitet war. Spätestens seit dem letzten Jahrhundert ist dieser
Reifeprozess in vielen Fällen durch die Abwesenheit der Vater (durch Kriege,
Tod und Karrieredruck) und die damit einhergehende Auflösung fester
familiärer Strukturen gestört.
Tatsächlich hat nur etwa jeder zehnte Teilnehmer in den Männergruppen ein
wirklich entspanntes Verhältnis zu seinem Vater, bzw. zu seiner männlichen
Ahnenlinie. Als Folge davon sind die meisten von uns Männern bereits
volljährig und gelten auf der körperlich-sozialen Ebene längst als
erwachsen, wenn spätestens in der Lebensmitte die midlife-crisis uns ereilt
und wir feststellen, dass wir wichtige Schritte zu unserer persönlichen
Identität und Rolle als Mann nicht oder nur unvollständig getan haben. So
fehlt uns der tiefere Lebenssinn und stürzt uns bisweilen in eine Krise, aus
der uns nur ein seelischer Nachreifungsprozess heraus helfen kann.
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Durch Kriege, Tod und Karrieredruck waren im vorigen Jahrhundert die Väter
weg. Die Familien hingen an den Frauen oder lösten sich auf
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Mann-Sein und Männerrituale heute
Wie also kann der moderne Mann zum wirklichen Mann werden? Was bedeutet es
heute, Mann zu sein? Zunächst ist es wichtig, sich den oben beschriebenen
Unterschied bewusst zu machen zwischen Männlichkeit (hier verstanden als an
Männer gerichtete Erwartungen) und Mann-Sein (die vielfältige Realität, wie wir
Männer tatsächlich sind).
Der Einstieg in einen individuellen Bewusstwerdungsprozess ist für viele Männer
schwierig, besonders wenn sie ihn ausschließlich unter ihresgleichen vollziehen.
Die Erfahrung mit dem Gegengeschlecht ist verständlicherweise besonders auf der
körperlichen Ebene weitaus reizvoller, als Erfahrungen auf einer zunächst
geistig-emotionalen Ebene im Kreis der Männer zu machen. Doch ist die Begegnung
zwischen Mann und Frau gerade dann – und oft erst dann – von besonderer
Qualität, wenn beide in ihren Gegenpolen ausreichend gut beheimatet sind.
Die Männer jedenfalls, die sich auf Erfahrungen und auch körperliche Begegnungen
im Kreis der Männer einlassen, berichten begeistert von der kraftvollen Energie,
die sie da mit ihresgleichen erfahren. Sie genießen den offenen Austausch über
ihre ganz eigene Art ein Mann zu sein und gehen gestärkt zurück in ihre Welt.
König, Krieger, Magier und Liebhaber
Besonders eindrucksvoll waren für mich im letzten Jahr die Übungen und Rituale
unter Männern, in denen wir Heilung erfahren konnten. Das Konkurrenzdenken war
weg, es gab kaum noch Vorbehalte, stattdessen große Offenheit. So konnten wir
anerkennend und achtsam miteinander umgehen und uns gegenseitig Mentor und
Quelle männlicher Kraft sein. In der geschützten Atmosphäre dieser Gruppen war
auch Platz für die zarten, verletzlichen Seiten von Männlichkeit. So konnte ein
neues, gereiftes Bewusstsein von uns als Männern entstehen.
Dieses gereifte Bewusstsein verabschiedet sich von den alten Männerbildern –
seien es die anfänglich beschriebenen patriarchalisch geprägten, oder auch die
Typen der Machos und Softies, wie man sie aus den 80er und 90er Jahren kennt. Es
fußt stattdessen auf Archetypen wie König, Krieger, Magier und Liebhaber. Diese
Typen, ihre Abwandlungen und Zwischenformen, sind als Persönlichkeitsanteile in
jedem Menschen angelegt. Wer sich auf die Übungen und Rituale solcher
Männergruppen einlässt, erlebt sie für sich in je individueller Weise.
Von der Ablösung zur Integration
Sei es eine Visionssuche, eine Schwitzhütte
oder auch ein kleineres Heilungs- oder auch Wunsch-Ritual, prinzipiell können
wir unabhängig von der Größe und dem Umfang eines Rituals darin drei Phasen
unterscheiden. Am Anfang steht die Ablösung vom gegenwärtigen, meist
unbefriedigenden, zerstörerischen oder einfach nur obsoleten Zustand. Diesem
folgt die Zwischenphase, welche einen sensiblen Umgang erfordert, um nicht in
alte Gewohnheiten, Klagen oder Hadern zurückzufallen. Am Ende steht die
Integrationsphase, in welcher die neuen Erfahrungen gestärkt und – im Falle
eines Übergangsrituals – die neue Identität angenommen werden kann.
Beispielsweise können die Qualitäten des Magiers/Heilers in einem (Heilungs-)Ritual
angesprochen werden, in welchem die Männer sich zunächst in einer Rederunde
gegenseitig berichten, was ihnen an ihrem Körper gerade Probleme, Schmerzen oder
einfach nur Kopfzerbrechen bereitet. In der folgenden Sequenz schenken sich die
Männer gegenseitig heilsame Berührung oder auch nur Segnung. Sie schließen das
Ritual ab mit einem Austausch darüber, was sich verändert hat.
Ein anderes Beispiel zur rituellen Erfahrung des Kriegers und dem damit
verbundenen Aggressions- und im negativen Falle Gewaltpotential, ist die
emotionale Reinigung in Form von Ja/Nein-Brüllen oder auf körperlicher Ebene
Handtuch-Schlagen. Als Partnerübung kann es auch das »Sägen« sein. Unverzichtbar
hierbei ist der achtsame Umgang miteinander und die Abkopplung der Aggression
vom Gegenüber. Ein bekannter Schlüsselsatz hierzu ist: »Meine Wut ist gut!« Die
Integrationsphase kann dann gegenseitiges Halten sein, wenn möglich sogar ein
Aufeinanderliegen.
Sozusagen als doppelten Boden binde ich in unseren Männergruppen die
Erfahrungssequenzen meist in ein tantrisches Ritual ein: Nach einer kleinen
Stille und Besinnungsphase laden wir uns Kräfte und Energien ein, die uns im
folgenden Prozess unterstützen – allen voran Heilung, Achtsamkeit und
gegenseitiger Respekt – und überlassen den weiteren Verlauf einer höheren Macht
oder dem Universum. Der tantrische Gruß »Namasté« und ein gegenseitiger
Austausch vervollständigen die Eingangszeremonie. Den Schluss des Rituals bilden
diese Prozesse in umgekehrter Reihenfolge, sodass die nach vorgegebenen Regeln
ablaufende Handlung und der geregelte Kommunikationsverlauf zusätzlich Halt und
Orientierung vermitteln.
Aufnahme in den Kreis der Männer
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Nun möchte ich noch eine kurze Beschreibung eines Rituals geben, welches so
für sich stehend ablaufen kann, oder in abgewandelter Form als Teil größerer
Rituale. Aber auch für sich allein stehend kann es in der Seele des
Initianten eine tiefe Wirkung hinterlassen.
Die Männer sitzen im Halbkreis, je nach Personenzahl und Raumgröße in einer
oder mehreren Reihen. Der Mann, der nun rituell in den Kreis der Männer
aufgenommen werden soll, wählt sich einen Stellvertreter für seinen Vater.
Die beiden stehen sich noch abseits vom Halbkreis gegenüber und nehmen
miteinander Augenkontakt auf. Diese Begegnung ist der systemischen Arbeit
entlehnt und gewinnt an Intensität durch die gesammelte Aufmerksamkeit aller
anwesenden Männer. In dieser Phase ist Platz für Dank, Abschied, Schmerz,
vielleicht auch Tränen über alles das, was dem Initianten gefehlt hat.
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Die Bereitschaft des Sohnes, seinen Vater anzuerkennen so wie er ist und
dankbar anzunehmen, was dieser bereit und in der Lage war ihm zu geben, ist
ein wichtiger Schlüssel zum Gelingen des Rituals
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Dies ist für alle anwesenden Männer immer ein sehr bewegender Moment: Der
Sohn ist den Weg zum Vater symbolisch gegangen, um dann – den Kopf an der
Brust des Vaters – dessen Kraft einzuatmen. Der Stellvertreter für den Vater
kann nun, wenn der Sohn dazu bereit ist, ihm das Geschenk der Mannwerdung
machen. Die Bereitschaft des Sohnes, seinen Vater so anzuerkennen wie er ist
und dankbar das anzunehmen, was dieser bereit und in der Lage war ihm zu
geben, ist ein wichtiger Schlüssel zum Gelingen des Rituals.
Ähnlich den symbolischen Gesten bei Ritterschlag oder Knappentritt, schlägt nun
der Vater dem Sohn kräftig nacheinander links und rechts auf die Schulterblätter
und macht ihn so zum Mann. Oft ist dieser Schritt von der Gefühlsintensität her
allein schon ausreichend und stärkt den Mann für seinen weiteren Weg im Alltag.
Um diesen individuellen Prozess noch mit der Anerkennung des großen
Männerschicksals zu küren, bringt der Vater seinen Sohn in den Kreis der Männer
und bittet sie, seinen Sohn aufzunehmen. Der Sohn kniet nieder und bittet die
Männer, ihm zu sagen, was Mann-Sein bedeutet. Jetzt bekommt er typischerweise
ganz individuelle Wahrnehmungen von Mann-Sein präsentiert und nicht die
überkommenen Bilder von Männlichkeit, die wir ohnehin nicht erfüllen können. Das
neue Mitglied im Männerkreis nimmt nun sein Mann-Sein zu dem Preis, den es ihn
kostet, an und setzt sich zu den Männern. Einen schönen Abschluss und eine
Bekräftigung des rituell Erlebten bildet immer ein gemeinsames Hugh (gesprochen
»Hau« – so sei es!).
Es gibt viel zu lernen
Männer, die heute noch dem Männlichkeitswahn anhängen und überzeugt sind, dass
ihr Mann-Sein von der Erfüllung überkommener Rollenbilder und Eigenschaften
abhängt, werden nach meiner Meinung im 21. Jahrhundert scheitern müssen. Die
Bewusstwerdung der Menschheit geht einher mit dem (Selbst-)Bewusstsein einer
breiten Palette von archetypischen Persönlichkeitsanteilen. Zudem müssen wir
flexibel genug sein, diese in einer geheilten Form den
gesellschaftlich-kulturellen Anforderungen der Umwelt entsprechend einzusetzen.
Es gibt also viel zu lernen – und das als kleiner Trost: nicht nur für Männer.

Von Klaus Peill
Erschienen in
Connection Tantra
Spezial #89, 7/2011
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